Wenn von den Sorten die Rede ist, die die Amsterdamer Zuchtszene der 1990er-Jahre geprägt haben, fällt regelmäßig ein Szenename: Shantibaba. Dahinter steht der Australier Scott Blakey, Mitgründer von zwei Saatgut-Unternehmen, die den europäischen Markt bis heute prägen. Dieses Porträt bildet öffentlich dokumentierte Stationen ab; Blakey lebt und arbeitet weiterhin in der Branche, eine Bewertung seiner Person ist nicht Zweck des Textes.
Vom Studium in Melbourne nach Amsterdam
Blakey wuchs in Australien auf und studierte an der Universität Melbourne Naturwissenschaften, nach eigener Darstellung Pflanzenbiologie und Sportpsychologie. Cannabis war für ihn zunächst ein Sammelgebiet unter anderen: Auf Reisen durch Asien und Südamerika trug er in den 1980er-Jahren Saatgut von Landrassen zusammen, also von regional gewachsenen, züchterisch unbearbeiteten Populationen. 1990 ließ er sich in Europa nieder, zunächst in den Niederlanden.
Green House Seeds und die Sorten, die geblieben sind
1994 gründete Blakey mit dem Coffeeshop-Betreiber Arjan Roskam und dem Züchter Nevil Schoenmakers die Green House Seed Company. Schoenmakers hatte Mitte der 1980er-Jahre mit The Seedbank den kommerziellen Samenhandel begründet; seine Sammlung an Elternpflanzen traf nun auf Blakeys Selektionsarbeit. Aus dieser Konstellation stammen Sorten wie White Widow, Super Silver Haze, White Rhino und Critical Mass, die in den 1990er-Jahren mehrfach beim High Times Cannabis Cup ausgezeichnet wurden. 1998 trennten sich die Wege: Blakey verkaufte seinen Anteil an dem Unternehmen.
Mr. Nice: Neuanfang mit Howard Marks
Noch im selben Jahr gründete er mit Schoenmakers und Howard Marks die Mr. Nice Seedbank. Marks, walisischer Autor und ehemaliger Cannabis-Schmuggler, hatte seine Geschichte 1996 in der Autobiografie Mr Nice aufgeschrieben, die dem Unternehmen den Namen gab; er starb 2016 im Alter von 70 Jahren. Der Katalog setzte bewusst auf reguläre, also nicht feminisierte Samen und auf die Elternlinien der Amsterdamer Jahre. Die Sorten, die Blakey bei Green House entwickelt hatte, führte er unter neuen Namen weiter: Aus White Widow wurde bei Mr. Nice die Black Widow.
White Widow und G13: zwei strittige Herkunftsgeschichten
Gerade an diesen beiden Linien zeigt sich, wie dünn die Überlieferung einer lange illegalen Szene ist. Bei White Widow gilt Blakey vielen als der Züchter, der die Sorte selektiert, stabilisiert und 1994 über Green House veröffentlicht hat; ein niederländischer Züchter beansprucht die Genetik jedoch für sich und datiert sie deutlich früher. Zeitgenössische Unterlagen, die den Streit entscheiden könnten, existieren kaum — die Urheberschaft bleibt offen.
Noch weiter reicht die Legende um G13. Sie besagt, die Sorte stamme aus einem staatlichen US-Forschungsprogramm an der University of Mississippi und sei in den 1970er-Jahren von dort herausgeschmuggelt worden. Belegt ist, dass dort seit 1968 im Auftrag von US-Behörden Cannabis für Forschungszwecke angebaut wird; ein Nachweis, dass je eine Sorte namens G13 dazugehörte, fehlt bis heute. Nachvollziehbar ist nur der weitere Weg: Ab Ende der 1980er-Jahre kursierte G13 als Steckling in der Amsterdamer Szene, verbreitet über Schoenmakers' Seedbank, und lebt seither nur noch in Kreuzungen weiter. Auch der Mr.-Nice-Katalog führt bis heute G13-Hybriden.
Einordnung
Blakey lebt seit dem Ende seiner Amsterdamer Zeit in der Schweiz. Ende der 2000er-Jahre begann er, gezielt Sorten mit hohem CBD- und niedrigem THC-Gehalt zu züchten — damals ein Randthema, das erst Jahre später wirtschaftlich interessant wurde. Heute arbeitet er dort mit Lizenzen für medizinisches Cannabis an Genetik und Qualitätskontrolle. Sein Werdegang steht exemplarisch für eine Generation von Züchtern, deren Arbeit in fast jedem heutigen Sortenstammbaum auftaucht, während sich die Belege dafür oft auf Interviews, alte Kataloge und Erinnerungen beschränken.
Quellen: Luke Hurt: Scott Blakey – It's Been an Accidental Evolution, Interview, Magazín Konopí / Cannabis Therapy Vol. 2 (2021); AltMed Podcast Ep. 33: Shantibaba, Owner of Mr. Nice Seedbank & Research, Interview (2021); Bobby Black: Cannthropology – The Original King of Cannabis, Leaf Nation (2022); Michel Navedo: Scott Blakey, AKA Shantibaba, on Cannabis's Golden Era and the Second Wave, Friday 420 / Hello Hi (2025); Howard Marks, British drug smuggler and countercultural scofflaw, dies at 70, The Washington Post (2016); SeedFinder.eu, Sortendatenbank – Katalog Mr. Nice Seedbank (abgerufen 2026)