Wer nach der Herkunft moderner Cannabis-Genetik fragt, landet fast zwangsläufig in den Niederlanden. Dass das so ist, hat viel mit einem Mann zu tun, der in Perth geboren wurde und ab Mitte der 1980er-Jahre von Amsterdam aus ein Geschäftsmodell aufbaute, das es vorher nicht gab: Nevil Schoenmakers – in manchen Quellen auch „Neville“ geschrieben – verschickte Cannabis-Saatgut per Katalog und Post rund um die Welt.
Von Perth in die Niederlande
Schoenmakers kam als Kind niederländischer Eltern in Perth, Westaustralien, zur Welt; das Geburtsjahr wird in den Nachrufen unterschiedlich angegeben und bleibt hier offen. 1976 zog er in die Niederlande, die im selben Jahr ihr Opiumgesetz novellierten: Es unterschied erstmals formal zwischen Cannabis und Substanzen mit „inakzeptablem Risiko“. Aus dieser Trennung der Märkte entstand die Duldungspraxis, aus der später die Coffeeshops hervorgingen. Der Handel mit Samen fiel nicht unter das Cannabis-Verbot – nach übereinstimmenden Darstellungen ließ Schoenmakers genau diesen Punkt anwaltlich prüfen, bevor er begann.
Ein Katalog, ein neuer Markt
1984 erschien der erste Katalog von The Seed Bank, kurz darauf folgten Anzeigen im US-Magazin High Times. Das war der eigentliche Bruch: Saatgut war auch vorher gezüchtet und weitergereicht worden, aber nicht offen beworben, sortiert und international per Post verschickt. In Fachpresse und Nachrufen gilt The Seed Bank deshalb als erste kommerzielle Samenbank dieser Art; die Bestellungen kamen überwiegend aus den USA.
Was er züchtete – und was nicht
Ein verbreitetes Missverständnis betrifft Skunk #1: Diese Sorte stammt nicht von Schoenmakers. Sie entstand in den 1970er-Jahren in Kalifornien im Umfeld des Züchterkollektivs Sacred Seeds um den unter dem Namen „Sam the Skunkman“ bekannten US-Züchter, der Anfang der 1980er-Jahre in die Niederlande ging. Von ihm erhielt Schoenmakers unter anderem Skunk #1 und Original Haze; Northern Lights und weitere Linien kamen von anderen US-Züchtern. Seine Leistung lag in der Kombination und in der Systematik, mit der er diese Genetik verfügbar machte. Die Kreuzung von Northern Lights #5 mit Haze gilt als seine folgenreichste Arbeit – aus dieser Linie gingen Nevil's Haze und die spätere Silver-Haze-Familie hervor.
Operation Green Merchant
Genau die Anzeigen, die sein Geschäft trugen, machten es angreifbar. Die US-Drogenbehörde DEA wertete ab Ende der 1980er-Jahre Anzeigen in High Times und Sinsemilla Tips aus, um Kundschaft von Grow-Ausrüstern und Samenversendern zu identifizieren. Am 26. Oktober 1989 durchsuchten Ermittler zeitgleich in 46 Bundesstaaten; bis Ende 1991 zählte die Operation mehr als 1.200 Festnahmen, The Seed Bank war eines der Hauptziele. In New Orleans wurde Anklage erhoben, am 24. Juli 1990 nahmen australische Behörden Schoenmakers auf US-Ersuchen in Perth fest. Nach rund elf Monaten Haft kam er im Juni 1991 gegen Kaution frei und kehrte in die Niederlande zurück; ausgeliefert wurde er nie. Seine Samenbank ging in dieser Zeit an Ben Dronkers und darin auf, was heute Sensi Seed Bank heißt.
Warum Amsterdam
Später arbeitete Schoenmakers mit Green House Seeds zusammen, Ende der 1990er-Jahre zog er sich aus dem öffentlichen Geschäft zurück; am 30. März 2019 starb er in Westaustralien. Dass ausgerechnet Amsterdam zur Drehscheibe der Cannabis-Genetik wurde, war kein Verdienst einer einzelnen Person, sondern das Zusammentreffen dreier Umstände: ein Rechtsrahmen, der Samen anders behandelte als Blüten; kalifornische Genetik, die Anfang der 1980er-Jahre über den Atlantik kam; und ein Vertriebsweg, der beides zusammenführte. „Vater der niederländischen Genetik-Industrie“ ist eine Zuschreibung der Szene. Belegbar ist das Nüchternere: Schoenmakers baute den Vertriebsweg, an dem sich die Branche danach jahrzehntelang orientierte.
Quellen: Trevor Hennings, „Remembering Nevil Schoenmakers, Founder of the First Cannabis Seed Bank“, Leafly (2020) · Piper Courtenay, „Remembering the King of Cannabis, Nevil Schoenmakers“, The Georgia Straight (2019) · Bobby Black, „Cannthropology: The Original King of Cannabis“, Leaf Nation (2022) · UPI, „Operation ‚Green Merchant‘“, 26. Oktober 1989 · High Times, „Operation Green Merchant: The Morning the Drug War Kissed Its Own Reflection“ · Tim Boekhout van Solinge, „Dutch drug policy in a European context“, Journal of Drug Issues 29(3) (1999)