Manche Samenbanken misst man an ihrem Regal, diese an ihrer Verwandtschaft. Afghani #1, 1985 in einem der ersten Kataloge des Hauses, gilt bei Sensi Seeds als direkter Vorfahr von mindestens 51 eingetragenen Sorten; für Hash Plant sind 45 direkte Nachkommen dokumentiert. Wer sich heute durch beliebige Stammbäume klickt, landet erstaunlich schnell in Amsterdam.
Angefangen hat das allerdings nicht in einem Zuchtraum, sondern im Textilhandel.
Ein Händler, ein Gesetzestext und eine Ecke im Rotlichtviertel
Ben Dronkers reiste in den Siebzigern geschäftlich in die Türkei, nach Afghanistan und Pakistan und brachte von diesen Fahrten regelmäßig Saatgut mit. In Rotterdam betrieb er zeitweise ein Sandwich-Lokal namens Yum Yum; das Sammeln lief nebenher und wurde ihm mehrfach zum Verhängnis – auf Festnahmen folgten kurze Haftaufenthalte, der längste dauerte sechs Wochen.
Statt aufzugeben, las er nach. Das niederländische Opiumgesetz untersagte den großflächigen Anbau zur Rauschmittelherstellung, den Anbau zur Saatgutgewinnung und dessen Verkauf jedoch nicht. Auf diese Lesart gründete Dronkers 1985 den Sensi Seed Club; ein Jahr später öffnete an einer Ecke im Amsterdamer Rotlichtviertel der erste Laden mit Samen, Zubehör und Büchern. Nicht der erste Versandhandel der Branche, aber wohl das erste richtige Geschäft.
1991: der Zukauf, der die Genbank verdoppelte
Die zweite große niederländische Adresse jener Jahre war The Seed Bank von Nevil Schoenmakers, der von einem Anwesen bei Arnhem aus arbeitete, das die Szene als Cannabis Castle kannte. Schoenmakers geriet ins Visier eines US-Verfahrens, wurde 1991 in Australien festgenommen und verkaufte Bestand samt Zuchtstandort an Dronkers. Die beiden Genbanken wurden zusammengeführt, aus dem Ergebnis wurde die Sensi Seed Bank, und das Cannabis Castle diente fortan als professioneller Produktionsstandort, an dem Hybriden entwickelt und stabilisiert wurden.
Es ist die Episode, die das Haus erklärt: Sensi Seeds ist nicht nur durch eigene Kreuzungen groß geworden, sondern auch dadurch, dass es fremde Arbeit aufgekauft und weitergepflegt hat, statt sie verschwinden zu lassen. Alan Dronkers, ältester Sohn des Gründers, stieg im Jahr zuvor offiziell in die Zuchtprogramme ein.
Was die Handschrift ausmacht
Die Sammlung, aus der hier gearbeitet wird, umfasst nach Angaben des Hauses mehr als 500 Varietäten. Gepflegt wird sie mit einem ausdrücklichen Auftrag: Der Wettlauf um immer neue Sorten, sagt Sensi Seeds, koste vor allem die alten – Landrassen zuerst, und was einmal verschwunden ist, kommt nicht zurück.
Beim Züchten selbst zeigt sich dieselbe Ruhe. Stabilität geht vor Effekt: Eine Linie gilt als fertig, wenn sie zuverlässig dasselbe abliefert, nicht wenn sie einmal beeindruckt hat. Und die Auswahlkriterien enden nicht beim THC-Gehalt – das Haus argumentiert ausdrücklich mit dem Zusammenspiel von Cannabinoiden, Terpenen und Flavonoiden, also mit Aroma und Charakter statt mit einer einzelnen Kennzahl.
Sorten, die geblieben sind
Die Chronologie liest sich wie eine Kurzfassung der Branchengeschichte. 1985 stehen Afghani #1 und Northern Lights im Katalog, 1987 kommen Skunk #1 und Hash Plant dazu, 1989 Northern Lights #5 x Haze und Early Skunk, 1990 Silver Haze und Super Skunk, 1991 Hindu Kush sowie Shiva Shanti und Shiva Shanti II. 1994 folgt Jack Herer, benannt nach dem amerikanischen Hanf-Aktivisten, 1996 Black Domina.
Bemerkenswert ist weniger die Länge dieser Liste als ihre Haltbarkeit. Skunk #1 ist so gründlich zum Standard geworden, dass „Skunk“ heute eine ganze Kategorie meint; allein bei Sensi Seeds existieren rund zwanzig Abwandlungen davon. Northern Lights taucht in den Ahnentafeln zahlloser moderner US-Hybriden auf, ohne dass die meisten Käufer den Namen noch verbinden würden.
Cups, über vier Jahrzehnte verteilt
- 1988: Northern Lights #5 x Skunk #1 gewinnt den ersten Preis in der Kategorie „mostly indica“ – später wird die Linie als Shiva Skunk geführt.
- 1989: Northern Lights holt den ersten Platz als beste Indica, Big Bud den ersten Platz „mostly indica“.
- 1993: Northern Lights #5 x Haze gewinnt in der Kategorie der Samenbanken.
- 1994 und 1999: Jack Herer siegt, 1999 als beste Sativa gleich bei Cannabis Cup und Highlife Cup.
- 2015, 2017, 2022: Auszeichnung als beste Samenbank.
2013 wurde Ben Dronkers in die Counterculture Hall of Fame der High Times aufgenommen – eine Ehrung für die Person, nicht für ein Produkt, und insofern die passendere.
Was neben der Samenbank entstand
Am 2. April 1987 eröffnete in Amsterdam ein Cannabis Info Centre. Das Justizministerium ließ es am Tag darauf schließen; die Pflanzenexponate mussten weichen, der Rest blieb und wurde zum Hash Marihuana & Hemp Museum, das später eine Hanf-Galerie nebenan und 2012 einen Ableger in Barcelona bekam. 1993 gründete Dronkers HempFlax für industriellen Nutzhanf, mit Betrieben in Groningen, Deutschland und Rumänien. 1996 ging sensiseeds.com online, nach eigener Darstellung die erste Website einer Cannabis-Samenfirma überhaupt.
Vierzig Jahre – und Besuch aus Kalifornien
Dass sich das Haus inzwischen nach außen öffnet, zeigen zwei jüngere Kooperationen. Unter dem Namen „Breeding Grounds“ bringt Sensi Seeds Sorten heraus, die zusammen mit externen Züchtern entstehen; den Anfang machte die 2001 gegründete Humboldt Seed Company aus Nordkalifornien. Und zum vierzigsten Jahr wurden auf der Spannabis 2025 in Barcelona die ersten feminisierten Sorten aus einer Zusammenarbeit mit Death Row Cannabis gezeigt, der Marke von Snoop Dogg.
Zwischen Landrassen aus den Siebzigern und einer Cali-Kollaboration liegen vierzig Jahre, in denen sich fast alles verändert hat außer der Grundidee: sammeln, stabilisieren, behalten. Wer bei Sensi Seeds kauft, kauft selten das Neueste – dafür sehr oft das, woraus das Neueste gemacht ist.