Das Wort feminisiert steht in fast jeder Sortenbeschreibung, erklärt wird es selten. Dieser Beitrag ordnet ein, was biologisch dahintersteckt. Er ist Wissensvermittlung und beschreibt kein Verfahren zum Nachmachen.
Warum Cannabis zwei Geschlechter hat
Cannabis ist zweihäusig: Eine Pflanze bildet entweder weibliche oder männliche Blüten. Für die Ernte sind nur die weiblichen Blütenstände von Interesse, männliche Pflanzen liefern Pollen. Aus herkömmlichem Saatgut wächst darum rund die Hälfte an Pflanzen auf, die dafür nicht gebraucht wird.
Das Geschlecht steht in den Chromosomen
Die Anlage ist chromosomal festgelegt: Weibliche Pflanzen tragen zwei X-Chromosomen, männliche ein X und ein Y. Eine Segregationsanalyse von 2020 identifizierte dieses Paar als das größte Chromosomenpaar der Art und beschrieb das Y als stark zurückgebildet – möglicherweise das älteste bekannte Geschlechtschromosomen-System im Pflanzenreich.
Ethylen entscheidet, was gebildet wird
Festgelegt ist damit die Anlage, nicht zwingend die Blüte. Welche Blüten tatsächlich entstehen, steuern Hormone mit: Das Pflanzenhormon Ethylen begünstigt weibliche Blüten. Wird seine Wirkung gehemmt, bildet eine genetisch weibliche Pflanze männliche Blüten – mit befruchtungsfähigem Pollen. Beschrieben haben das erstmals Mohan Ram und Sett 1982 mit Silberthiosulfat; eine Untersuchung an Hanfsorten bestätigte den Effekt 2018.
Warum daraus fast nur Weibchen werden
Entscheidend ist, was dieser Pollen nicht enthält: Der Pflanze fehlt ein Y-Chromosom, also trägt jedes Pollenkorn ein X. Bestäubt es eine weibliche Blüte, kommen zwei X zusammen – die Nachkommen sind weiblich. Herstellerseitig genannte Feminisierungsraten von rund 99,9 Prozent sind Eigenangaben, keine unabhängig geprüften Werte.
Eine Idee aus dem Gartenbau
Silberthiosulfat stammt nicht aus der Cannabiszucht, sondern aus der Zierpflanzenproduktion: Dort dient es seit den 1970er-Jahren als Ethylen-Hemmer, um Schnittblumen länger frisch zu halten. Jahrzehnte später brachte Dutch Passion 1998 feminisierte Samen in den Handel und gilt in mehreren Fachpublikationen als erster Anbieter, der diesen Schritt kommerziell ging. In den 2000er-Jahren stellten weitere europäische Seedbanks ihr Angebot weitgehend darauf um. Das Porträt von Henk van Dalen in der Rubrik Menschen erzählt diesen Teil ausführlicher.
Zwittrigkeit bleibt der Streitpunkt
Kritik richtet sich vor allem auf Zwitterblüten in der Nachzucht. Belegt ist, dass geschlechtlich umgekehrte Pflanzen weniger und unregelmäßiger geformte Pollenkörner bilden als genetisch männliche und dass nicht jeder Blütenstand vollständig umschlägt. Ein Übersichtsartikel von 2024 führt Zwittrigkeit auf das Verhältnis von X-Chromosomen zu den übrigen Chromosomen zurück und nennt Keimfähigkeit sowie männliche Blüten in der Nachzucht als offene Punkte.
Fazit
Feminisierte Samen sind kein genetischer Kunstgriff, sondern das Ergebnis einer hormonell ausgelösten Geschlechtsumkehr: Eine weibliche Pflanze liefert den Pollen, und weil ihr das Y fehlt, fällt die Nachkommenschaft fast vollständig weiblich aus. Wer das verstanden hat, kann Angaben wie regulär oder S1 in Sortenbeschreibungen genauer einordnen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der neutralen Information. Er beschreibt kein Verfahren zum Nachmachen und stellt weder eine Anbauanleitung noch eine medizinische Beratung dar.
Quellen: Mohan Ram, H. Y. & Sett, R.: Induction of fertile male flowers in genetically female Cannabis sativa plants by silver nitrate and silver thiosulphate anionic complex, Theoretical and Applied Genetics (1982); Lubell, J. D. & Brand, M. H.: Foliar Sprays of Silver Thiosulfate Produce Male Flowers on Female Hemp Plants, HortTechnology 28(6) (2018); DiMatteo, J., Kurtz, L. & Lubell-Brand, J.: Pollen Appearance and In Vitro Germination Varies for Five Strains of Female Hemp Masculinized Using Silver Thiosulfate, HortScience 55(4) (2020); Prentout, D. et al.: An efficient RNA-seq-based segregation analysis identifies the sex chromosomes of Cannabis sativa, Genome Research 30(2) (2020); Timoteo Junior, A. A. & Oswald, I. W. H.: Optimized guidelines for feminized seed production in high-THC Cannabis cultivars, Frontiers in Plant Science 15 (2024); Veen, H. & van de Geijn, S. C. (1978), zitiert in der Schnittblumen-Fachliteratur: Silberthiosulfat unterdrückt den Ethylen-Anstieg beim Welken von Nelken; Dutch Passion: Markteinführung feminisierter Samen 1998 (Eigenangabe, Einordnung siehe DrGreen-Magazin, Porträt Henk van Dalen); Sweet Seeds: Feminisierungsrate von rund 99,9 Prozent (Herstellerangabe, nicht unabhängig geprüft)