Kaum ein Name fällt in der Geschichte der Legalisierungsbewegung so oft wie der von Jack Herer (1939–2010). Der US-Amerikaner schrieb mit The Emperor Wears No Clothes ein Buch, das der Hanfbewegung über Jahrzehnte ihre Argumente lieferte – und wurde zugleich Namensgeber einer der bekanntesten Cannabis-Sorten der Welt. Dieser Beitrag fasst zusammen, was über sein Wirken öffentlich dokumentiert ist.
Vom konservativen Republikaner zum Aktivisten
Herer wurde am 18. Juni 1939 im US-Bundesstaat New York geboren. Er diente in der US-Armee als Militärpolizist in Korea und verstand sich lange als konservativer Republikaner. Cannabis probierte er nach eigener Schilderung erst um sein dreißigstes Lebensjahr – ein Erlebnis, das er später als Wendepunkt beschrieb. 1973 eröffnete er sein erstes Head-Shop-Geschäft; der von ihm gegründete „Third Eye Shoppe“ in Portland, Oregon, bestand bis 2017 und wurde zuletzt von seinem Sohn geführt.
Zwölf Jahre Recherche, ein Buch
Ebenfalls ab 1973 trug Herer – angestoßen von seinem Mitstreiter „Captain“ Ed Adair – Material über die Nutzpflanze Hanf zusammen: Patentschriften, Agrarstatistiken, historische Dokumente. 1985 veröffentlichte er das Ergebnis im Selbstverlag unter dem Titel The Emperor Wears No Clothes, einer Anspielung auf Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Seine Kernthese: Das Verbot von Cannabis im frühen 20. Jahrhundert sei weniger gesundheitspolitisch begründet gewesen als wirtschaftlich – Hanf als Rohstoff für Papier, Textilien, Treibstoff und Nahrungsmittel habe etablierten Branchen im Weg gestanden. Das Buch erschien in zahlreichen überarbeiteten Auflagen, blieb jahrzehntelang lieferbar und verkaufte sich nach Herausgeberangaben über 800.000 Mal. Herer und unterstützende Organisationen lobten zeitweise 100.000 US-Dollar für denjenigen aus, der die zentralen Aussagen widerlegen könne.
Aktivismus zwischen Straße und Stimmzettel
Herer gründete die Organisation Help End Marijuana Prohibition (HEMP) und leitete sie. Zweimal trat er als Präsidentschaftskandidat der kleinen Grassroots Party an, 1988 und 1992, jeweils mit Ergebnissen im niedrigen vierstelligen Stimmenbereich. In Kalifornien war er an der „California Hemp Initiative“ beteiligt, einem Volksbegehren für eine umfassende Freigabe, das trotz mehrfacher Anläufe nie auf den Stimmzettel gelangte. Auch Haft gehörte dazu: Für einen Vorfall um einen Tisch zur Wählerregistrierung auf Bundesgelände saß er 14 Tage im Gefängnis – ein Akt zivilen Ungehorsams, den er selbst als einen seiner wichtigsten bezeichnete.
Als sein Name zur Sorte wurde
1994 stellte die Amsterdamer Seedbank Sensi Seeds eine Sorte vor, die sie nach ihm benannte – eine Dreifachkreuzung aus Northern Lights #5, Shiva Skunk und Haze. Die Benennung war eine Würdigung seines jahrzehntelangen Engagements, kein Hinweis auf eine Beteiligung an der Zucht. Die Sorte gewann in den Folgejahren mehrfach Cannabis Cups und Highlife Cups und gilt in der Branche als eine der meistausgezeichneten überhaupt. Für viele ist „Jack Herer“ dadurch heute eher eine Sortenbezeichnung als der Name eines Menschen – ein Umstand, der die Biografie dahinter oft verdeckt.
Einordnung
Am 12. September 2009 erlitt Herer kurz nach einer Rede beim Hempstalk-Festival in Portland einen Herzinfarkt; an dessen Folgen starb er am 15. April 2010 im Alter von 70 Jahren in Eugene, Oregon. Sein Buch gilt vielen in der Bewegung als deren Gründungstext. Unabhängig davon, wie belastbar einzelne Angaben im Detail sind, hat er die Debatte verschoben: Er machte die industrielle Nutzung von Hanf zu einem eigenständigen Argument in einer Diskussion, die sich zuvor fast ausschließlich um Rauschkonsum drehte. Der Dokumentarfilm Emperor of Hemp (1999, Regie Jeff Jones, gesprochen von Peter Coyote) zeichnet diesen Weg nach.
Quellen: Jack Herer, The Emperor Wears No Clothes (Erstausgabe 1985, zahlreiche überarbeitete Auflagen); Willamette Week (Portland), „The Story of One of the Greatest Cannabis Advocates Who Ever Lived and the Strain That Bears His Name“ (2017); McClatchy-Tribune News Service, Nachruf „Marijuana advocate Jack Herer dies at 70“ (April 2010); Sensi Seeds (Amsterdam), offizielle Sorten- und Unternehmensdokumentation zur Sorte Jack Herer; Minnesota Secretary of State, Wahlergebnisse November 1988; Federal Election Commission, Wahlergebnisse 1992; Cannabis Now, „Re-Legalize it? Herer’s Legacy Lives on in Hemp Initiative“; Emperor of Hemp (Dokumentarfilm, Regie Jeff Jones, 1999)