Es gibt Samenbanken, die ihre Sorten nach Marktforschung benennen. Philosopher Seeds hat gleich sechs von ihnen wieder umbenannt, nachdem aufgefallen war, dass „Jack el Frutero" außerhalb Spaniens niemandem etwas sagt und „Gokunk" nur denen, die Dragon Ball kennen. Aus dem einen wurde Fruity Jack, aus dem anderen Philo Skunk; „Naranchup", benannt nach den Chupa-Chups-Lutschern, heißt seither Orange Candy. Die Begründung des Hauses war entwaffnend ehrlich: Man habe sich vor allem um die Genetik gekümmert und zu wenig darum, verstanden zu werden.
Das ist ein kleiner Vorgang, aber er erzählt eine Menge über diese katalanische Bank. Die Reihenfolge stimmt hier von Anfang an: erst die Pflanze, dann das Etikett.
Aus einer Sammlerrunde wird eine Samenbank
Die Anfänge liegen in den späten 1990ern, lange vor jedem Katalog. Eine Gruppe von Leuten mit ausgeprägter Vorliebe für Sativa-Genetik züchtete, tauschte und bewahrte auf, was ihr unter die Finger kam – ohne kommerzielle Absicht, aber mit dem Ehrgeiz von Leuten, die ihre Sache genau nehmen. Zur Samenbank wurde daraus erst 2008, mit dem erklärten Ziel, die eigene Sammlung mit anderen Enthusiasten zu teilen, statt sie im engen Kreis versauern zu lassen.
Der Sitz ist bis heute Vilamalla, ein Ort im nordkatalanischen Hinterland zwischen Girona und der französischen Grenze. Die Adresse führt in ein Industriegebiet, nicht in eine Innenstadtlage mit Schaufenster – was zur Sache passt: Diese Bank ist in der spanischen Grower-Szene groß geworden, nicht in der Auslage einer Touristenstraße.
Elite-Stecklinge, in Samen übersetzt
Die typischste Arbeitsweise des Hauses ist gar keine Kreuzung. In den 2000ern kursierten in Barcelona Stecklinge, die in Sammlerkreisen legendär waren und die man nur bekam, wenn man die richtigen Leute kannte – darunter der Somango-Klon des Züchters Soma. Philosopher Seeds hat diesen Schnitt nicht weiterverkreuzt, sondern mit sich selbst bestäubt: Tropimango ist eine S1-Version, also der Versuch, einen Steckling so nah wie möglich am Original in Samenform verfügbar zu machen.
Dasselbe Muster taucht immer wieder auf. Für AmnesiaZ dient ein prämierter Amnesia-Schnitt von Hy-Pro als Mutterlinie; Black Bomb geht auf einen Black-Domina-Klon zurück, dem ein hauseigener Tropimango-Vater Süße und Ertrag beisteuern sollte. Wer so arbeitet, sammelt keine Neuheiten, sondern Phänotypen – und macht haltbar, was sonst mit seinem letzten Besitzer verschwindet.
Linien statt eines Katalogs
Das Programm ist nicht als eine lange Liste organisiert, sondern in Linien mit unterschiedlichem Auftrag. Die Classic Line versammelt die Hybriden, mit denen die Bank bekannt wurde. Die Auto Line überträgt dieselben Ideen auf selbstblühende Genetik. Die Golo Line entstand als gemeinsames Projekt mit den Züchtern von Reggae Seeds und zielt auf hohe CBD-Werte. Und weil Sammler irgendwann Ausgangsmaterial und nicht nur Endprodukt wollen, kam eine Regular Line dazu.
Am aufschlussreichsten ist die Test Line: Kreuzungen, die es ausdrücklich nicht in den Katalog geschafft haben und die das Haus trotzdem herausgibt, um zu hören, was Grower damit anfangen. Das ist ungewöhnlich offenherzig – eine Samenbank zeigt damit auch, was noch nicht sitzt. Es erklärt zugleich, warum hier Rückmeldungen aus der Praxis so viel Gewicht haben: Den Kanal dafür hat sich das Haus selbst gebaut.
Der CBD-Zweig, und ein Pokal dafür
Bemerkenswert ist, wie früh und wie konsequent sie an CBD-betonten Linien gearbeitet hat. Das bekannteste Ergebnis ist die schon erwähnte Fruity Jack, eine Kreuzung aus Respect #13 und Jack The Ripper #1, ausgelegt auf ein Verhältnis von etwa zwei Teilen THC zu einem Teil CBD. 2018 holte sie beim Spannabis Champions Cup in Barcelona den ersten Platz in der CBD-Kategorie; einen ersten Platz derselben Kategorie beim Canary Islands Cup führt das Haus zusätzlich für sich an.
Von dort führt eine gerade Linie zu dem, was heute im Regal steht: Sorten mit ausgewiesenem CBD-Schwerpunkt, selbstblühend wie photoperiodisch, dazu mit Pure CBG ein Chemotyp, den vor wenigen Jahren kaum jemand im Programm hatte.
Old School und US-Genetik im selben Regal
Zwei Enden des Katalogs zeigen die Spannweite. Am einen steht Early Maroc, eine Selektion aus marokkanischem Landrassen-Material, früh reifend und ohne den Ehrgeiz, mehr sein zu wollen als das, was sie ist. Am anderen stehen die Arbeiten mit amerikanischen Klonlinien: AmnesiaZ verbindet die europäische Amnesia mit einer rückgezüchteten Watermelon Zkittlez aus den USA – das Haus selbst nennt das „European Old School x US New School", und ausnahmsweise ist das keine Werbefloskel, sondern eine korrekte Beschreibung der Eltern.
Dazwischen liegt, was die Bank ausmacht: Philo Skunk aus Somango und Mazar, die Amnesia-Abkömmlinge, die Frucht- und Süßlinien rund um Tropimango. Die Handschrift ist über die Jahre erstaunlich konstant geblieben – Terpene zuerst, Ertrag gleich danach, Effekthascherei nirgends.
Philosopher Seeds ist keine Bank, die von Rekorden lebt. Sie ist der Typ Haus, das eine gute Mutterpflanze jahrelang behält, sie irgendwann in Samenform übersetzt und den Namen erst dann ändert, wenn jemand darauf hinweist, dass ihn niemand versteht. Wer Genetik mit nachvollziehbarer Herkunft sucht – katalanisch geerdet, ohne dass jede Sorte einen Pokal tragen muss –, ist hier gut aufgehoben.